Interview mit Dr.Roland Zeh

Interview mit dem Chefarzt der Kaiserberg Klinik Bad Nauheim, Herrn Dr. Roland Zeh über Tinnitus, DSB, Schwerhörigkeit, Audiotherapie.

Herr Dr. Zeh ist bundesweit bekannt geworden durch seinen Fernsehauftritt bei Günther Jauch. Weniger bekannt ist, dass er auch Leiter des Referats Audiotherapie im DSB ist.

Tinnitus News. Wie sehen Sie den Nutzen der Audiotherapie in Bezug auf Mitgliederwerbung für die Ortsvereine des DSB?

Dr. Zeh. Das Beispiel des Ortsvereins Stuttgart zeigt, dass das sehr gut funktionieren kann. In Stuttgart hat Frau Hüster-Leibbrand eine Beratungsstelle im Vereinsheim des Ortsvereins. Das Beratungsangebot ist ein kostenloses, niederschwelliges Angebot. Wie viele Beratungsstunden kostenlos sind und ob Unterschiede zwischen Mitgliedern und Nichtmitgliedern gemacht werden weiß ich nicht, das kann man individuell gestalten. Leute, die über die Beratung beim Ortsverein hinaus Therapie bei Frau Hüster-Leibbrand in Anspruch nehmen möchten, werden in ihrer Praxis weiter betreut. Meines Wissens hat der Ortsverein Stuttgart über dieses Beratungsangebot schon mehrere Mitglieder gewonnen.

Tinnitus News. Sie sind als Referent des DSB für Audiotherapie zuständig. Speziell für DSB Weiterbildung zum Audiotherapeuten. In der gleichen Internetpublikation des DSB-Netzwerkes werden die einzelnen Ausbildungsthemen gelistet. Hierfür gibt es entsprechendes Studien- und Ausbildungsmaterial?

Dr. Zeh. Ich bin Leiter des Referates Audiotherapie im DSB und damit verantwortlich für diesen Weiterbildungsgang. Das ist ein wichtiges und auch großes Projekt – ich verantworte da einen Umsatz von ca. 95000 € pro Jahr.
Die Audiotherapie wurde 1999 von Franz Boob (Baden-Württemberg) gegründet. Ich war aber als Dozent, Prüfer und Beiratsmitglied auch schon von Anfang an dabei. Seit dem Rückzug von Franz 2005 bin ich Leiter der Weiterbildung.
Wir sprechen von Weiterbildung und nicht von Ausbildung, weil die Audiotherapie keine eigenständige Berufsausbildung ist, sondern auf bestehenden Qualifikationen aufbaut.

Franz hat auch die Lehrpläne – Curricula – erstellt, die ich dann laufend weiterentwickelt habe. Die einzelnen Inhalte werden aber von den Dozenten selbst erarbeitet. Ich selbst bin Dozent für medizinische und sozialrechtliche Themen.

Die Curricula unterliegen dem Copyright und werden nicht veröffentlicht. Zu groß ist die Gefahr, dass konkurrierende Bildungseinrichtungen auftreten. Die einzelnen Lehrinhalte unterliegen außerdem dem Urheberrecht der jeweiligen Dozenten.

Tinnitus News. Weiter habe ich immer den von Ihnen publizierten Satz im Hinterkopf: Wenn ich einen Vortrag über Tinnitus halte, ist der Vortragssaal ganz voll, dagegen über Schwerhörigkeit, dann kommen gerade drei Leute.

Haben Sie hierfür vielleicht eine Erklärung?

Oder anders formuliert: Warum hat die Tinnitusliga 16000 Mitglieder und der DSB gerade 3000?

Dr. Zeh .Ja, das ist leider so, zu diesem Satz stehe ich. Hintergrund ist die Stigmatisierung der Schwerhörigkeit.

Ich behaupte allerdings: Nicht die Schwerhörigen werden von der Gesellschaft stigmatisiert, sondern die Schwerhörigen stigmatisieren sich selbst. Keiner gibt zu, dass er schwerhörig ist, auch nicht vor sich selbst- und geht deshalb auch nicht zum DSB oder in eine Selbsthilfegruppe.

Tinnitus dagegen ist sozial anerkannt. Es ist eine Stresskrankheit. Damit kann man angeben wie mit einem Herzinfarkt.

Nebenbei: Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Tinnitus-Liga weiß ich, dass 60 bis 80 Prozent der Mitglieder der Deutschen Tinnitus-Liga eine Hörgeräteindikation haben.

Die organisierten Schwerhörigen finden Sie also in der Deutschen Tinnitus-Liga. Für mich ist Tinnitus die sozial

anerkannte Form der Schwerhörigkeit. Ich sage aber Hörstörung dazu, das ist so etwas wie ein Oberbegriff.

Wir vom DSB werden daran aber nicht viel ändern können.

Tinnitus News. Ferner würde mich noch interessieren, ob von Seiten des Präsidiums des DSB Bestrebungen an Sie als

Ausbildungsleiter herangetragen worden sind, die darauf hinauslaufen, die Absolventen an den DSB , vertreten durch seine Ortsvereine zu binden und in diese zu integrieren.

Dr. Zeh. Die Audiotherapie-Absolventen haben ihre Ausbildung – immerhin 6500 € pro Person in voller Höhe selbst bezahlt und sind dem DSB in keinster Weise verpflichtet. Die meisten Teilnehmer sind Akustiker und erhoffen sich durch diese Weiterbildung einen besseren Zugang zu ihren Kunden – was ich sehr begrüße. Der Rest kommt aus

verschiedenen Berufsfeldern. Einige, vor allem die Selbst-Betroffenen, sind auch schon im DSB aktiv.

Natürlich versuchen wir, die Audiotherapieabsolventen in die Arbeit des DSB mit einzubinden und oft gelingt das auch- aber oft auch nicht.

Tinnitus News. Das Stuttgarter Modell beobachte ich mit Interesse. Von der Audiotherapeutin dort vor Ort wurde uns

uns unlängst deren Seminarprogramm zugesandt. Aber auch hier hat die Audiotherapeutin eine eigene Praxis, sprich Räume, und es steht zu befürchten, dass die Dinge hier irgendwann ähnlich laufen wie bei den Akustikern, die sich ja in den siebziger Jahren von den Ortsvereinen loslösten und seitdem diese mehr oder weniger nicht mehr kennen. Das war damals ein strategischer Fehler des DSB, dies zuzulassen.

Dr. Zeh. Ich glaube, da liegt eine Fehleinschätzung von Ihnen vor. Die Akustiker waren noch nie mit dem DSB verbunden, auch nicht in den 70er Jahren und können sich somit auch nicht von den Ortsvereinen „gelöst“ haben.

Bis auf wenige Ausnahmen auf regionaler Ebene.

Ich sehe die Rolle der Akustiker kritisch. Die Akustiker haben versucht, unseren AT-Weiterbildungsgang zu torpedieren und haben auch eine eigene Schmalspuraudiotherapie für Akustiker ins Leben gerufen, um uns Teilnehmer

abzuwerben und unsere Kurse „auszubluten“.

Was das Stuttgarter Modell, also Laura betrifft, glaube ich, dass Ihre Skepsis unbegründet ist. Beide Seiten, die Praxis von Laura und der Ortsverein profitieren voneinander. Durch das kostenlose Beratungsangebot können viele Interessenten angesprochen werden, die sich sonst nicht beim Ortsverein gemeldet hätten. Da sind auch potentielle Mitglieder dabei – also profitiert der Verein. Umgekehrt kann Laura diejenigen, die weitere Therapie, also mehr als Beratung brauchen, in ihre Praxis kanalisieren. So kann sie ihre Ausbildungskosten refinanzieren. Als Gegenleistung dafür, dass sie über die Beratungstätigkeit ihre Patienten einwerben kann, macht sie für den Ortsverein eben die kostenlose Beratung.

Sie können nicht erwarten, dass Laura die weiterführende Therapie für den Ortsverein macht, sie hat ihre AT-Weiterbildung ja selbst bezahlt.

Denkbar wäre natürlich auch, die weiterführende Therapie wird vom Ortsverein angeboten. Dann müsste der Ortsverein aber Laura anstellen und bezahlen – und das finanzielle Risiko würde dann beim Ortsverein liegen.

Tinnitus News. Das Schweizer Modell hat dies nie zugelassen und hat bis heute die Akustiker integriert. Die kleine Schweiz hat deshalb bis heute ca. 10000 organisierte Schwerhörige.

Beim DSB damals wie heute ist das Problem immer das gleiche: Es gibt keine organisatorischen Strukturen für Personalaquirierung, kein Geld.

Und so kann man einen Verband eben nicht weiterentwickeln.

Dr. Zeh. Ja, ja, die Schweiz wird da immer als Vorbild hingestellt, und ich finde das Schweizer Modell auch prima, viel besser als bei uns. Aber die Strukturen sind dort eben völlig anders und es liegt nicht in der Macht des DSB dies zu ändern.

Zunächst zu Ihrem Satz „das Schweizer Modell … hat die Akustiker integriert“. Das kann man so nicht sagen, sondern in der Schweiz profitieren die Akustiker mehr von der Zusammenarbeit mit dem BSSV als in Deutschland vom DSB. Das ist aber nicht Schuld des DSB, sondern liegt an den Strukturen.

Der entscheidende Unterschied sind die Intensivkurse, die in der Schweiz für alle Hörgeräteträger bezahlt werden.

Das wäre so, als wenn in Deutschland jeder Patient, der Hörgeräte bekommt, auch eine Reha z.B. in unserer Klinik oder in St. Wendel bezahlt bekommen würde. Als Klinikchef rolle ich da gerade mit den Augen… Und diese Rehas müssten dann auch noch durch den DSB veranstaltet werden. Dann hätten wir auch die Plattform, die Patienten für den DSB einzufangen. Und weil das dann die Mehrzahl der Hörgeräteträger wäre, hätten wir die Akustiker automatisch mit im Boot.