Tinnitus News 27.11.2010

Tinnitus News XXXXV
Die Internetzeitung für alle Betroffenen

60 Jahre DSB 30 Jahre Nachbarschaftshaus Gostenhof , Nürnberg 82 Jahre BDS, Nürnberg

Ein Beitrag zur Geschichte des Vereines BDS, Nürnberg .

Teil I: Gründung bis zum Niedergang des Vereines 1928 – 1944

Ein privater Absehkurs des ehemaligen Taubstummenlehrers, Studienrat Friedrich Ettmeier, war der Anlass für die Entstehung des Vereins.

Die Gründungsversammlung fand am Sonntag, 8.1.1928 in der Gaststätte „Zum blauen Mantel“, Tafelhofstr. 27, im Beisein des Vorsitzenden des Münchner Schwerhörigenvereins , Herrn Seufert, statt.

Der Vorstand setzte sich aus dem erwähnten bereits im 68. Lebensjahr stehenden Studienrat Ettmeier als Vorsitzenden , einem Kassier , Schriftführer und zwei Beisitzerinnen zusammen. Von den damals etwa 30 Anwesenden traten sofort 20 als Mitglieder dem Verein bei. Die Werbetrommel, die von den Mitgliedern fleißig gerührt wurde, führte dazu, dass der Verein im Mai 1928 bereits 45 Mitglieder aufweisen konnte. Es entwickelte sich schnell ein reges Vereinsleben.

Fünf Mitglieder waren jüdischen Glaubens. Der Verein war ausschließlich bestrebt , den Mitgliedern frohe Stunden ohne Rücksicht auf Religions- oder Parteizugehörigkeit zu bieten.

Bereits im November 1928 gewährte der Stadtrat zu Nürnberg einen Zuschuss von RM 200 für die Anschaffung eines Vielhörers. Das war damals viel Geld und eine große soziale Geste an einen noch fast unbekannten Verein.

Das Dritte Reich ging nicht spurlos an Verein und Vereinsleben vorüber. Friedrich Ettmeier übergab nach 7jähriger Amtsführung 1935 den Verein an seinen Schwiegersohn Georg Ilgenfritz, ebenfalls Studienrat, der nur knapp 6 Jahre bis 1941 dem Verein vorstehen konnte. Er musste unfreiwillig von seinem Amt zurücktreten, da er bei der NSDAP angezeigt worden war, die Versammlungen nicht im Sinne der Parteirichtlinien geführt zu haben. Als Nichtparteimitglied blieb ihm so nur der Rücktritt.

Als Nachfolger setze die Gauleitung Franken den Apotheker Clemens Droste mit der Bezeichnung „Gaubundeswalter“

ein. Er führte nunmehr nach den Weisungen der damaligen Machthaber bis zu seiner dienstlichen Versetzung nach Posen im April 1944 den Verein.

Am 1. Juli 1944 übernahmen Friedrich Hoffmann als Vorsitzender und Friedrich Friedmann als zweiter Vorsitzender die Verantwortung im Verein.

Wenige Monate später, im Oktober 1944 gingen bei einem Fliegerangriff der Vielhörer und das gesamte Mobiliar des Vereins für immer verloren. Weihnachten 1944 wurde noch im Hotel „Roter Hahn“ gefeiert und dann ruhte wie so vieles damals auch das Vereinsleben auf unbestimmte Zeit.

Durch den Fliegerangriff wurden auch sämtliche Vereinsunterlagen vernichtet. Wir würden heute völlig im Dunkel tappen , wenn nicht im Jahr 1951 das Gründungsmitglied Nr. 6, Frau Elise Kehr , auf Veranlassung der damaligen Vorstandschaft in mühseliger Kleinarbeit fein säuberlich das Geschehen der damaligen Zeit bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges niedergeschrieben hätte. Dafür gebührt ihr heute noch Dank. Ob das kleine blaue Büchlein noch vorhanden ist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Teil II: Wiederaufbau des Vereines 1947 – 1977, die Ära Friedrich Friedmann

Am 3. Mai 1947 lud Friedrich Hoffmann zu einer Neugründungsversammlung ein. Dem Verein traten sofort wieder 96 Mitglieder bei. Die begehrte Lizenz zur Weiterführung traf bereits am 15.Juli 1947 ein, sodass dem Wiederaufbau nichts mehr im Wege stand. Versicherungsdirektor Friedrich Hoffmann als 1. Vorsitzender und Bankangestellter Friedrich Friedmann als 2. Vorsitzender – zugleich auch Landesvertreter der bayerischen Schwerhörigenbünde – sorgten für ein reges Vereinsleben. Zum Jahresende zählte der Verein 107 Mitglieder . In der 5. Versammlung nach der Neugründung konnten bereits 13 Personen für eine 20 beziehungsweise 10jährige Mitgliedschaft geehrt werden. Die Währungsreform des Jahres 1948 ließ das Vereinsvermögen zusammenschrumpfen. In den zwei weiteren Hauptversammlungen vom 10.4.1949 und 15.4.1951 honorierten die Mitglieder die gute Vereinsarbeit der beiden Vorsitzenden durch Wiederwahl . Aus gesundheitlichen Gründen verzichtete in der folgenden Hauptversammlung der 1. Vorsitzende Friedrich Hoffmann, der am 18.6.1955 verstarb , auf eine erneute Kandidatur. Die Mitglieder übertrugen nunmehr Friedrich Friedmann das Amt des 1. Vorsitzenden des Ortsvereins Nürnberg , das er dann ohne Unterbrechung bis zu seinem plötzlichen Ableben am 3.11.1976 inne hatte .

Die Ära Friedmann prägte nicht nur den Verein , sondern auch den Deutschen Schwerhörigenbund , denn 2 Jahre später während der 4. Bundestagung des Deutschen Schwerhörigenbundes in Nürnberg vom 28. bis 30. 5 1955 wählten die Delegierten Friedrich Friedmann zum Bundesvorsitzenden des DSB.

So bekam Friedmann die Möglichkeit an der sozialen Gesetzgebung der damaligen Jahre mitzuarbeiten. Das höchste und verantwortungsvollste Amt des DSB verwaltete er 20 Jahre bis sich ein jüngerer Nachfolger fand.

Über Friedmanns Arbeit im Nürnberger Ortsverein soll nachfolgender kurzer Tätigkeitsbericht in Zahlen für die Jahre 1973/74 Auskunft geben:

Mitgliederzahl: 144 Vollmitglieder 10 sog. Fördermitglieder

Mitgliederzugang : 8 Mitgliederabgang : 25

Minderung gegenüber dem 31.12.1972: 17

Monatsversammlungen: 24

Besucherzahl 1214, was pro Mitgliederversammlung im Durchschnitt 50 Personen ergibt.

Omnibusfahrten:9Halbtagesfahrten, 2 1-Tagesfahrten, 2 2-Tagesfahrten.

Altenerholung: 6 Personen 14 Tage kostenloser Aufenthalt durch das Sozialwerk.

Hörmittelberatung: Zuschüsse: DM 2102,39

Finanzen: Gesamtvermögen mit Einrichtungen DM 8521,65

Die Altenerholung erfolgte durch das Sozialwerk München , das sich im Laufe der achtziger Jahre auflöste.

Friedmann betrieb eine Hörmittelberatungsstelle , in der die Mitglieder Hörgeräte, Batterien und sonstiges Zubehör

Verbilligt kaufen konnten. Kurz vor seinem Ableben löste Friedmann die Hörmittelberatungsstelle auf , da er den Anforderungen der jungen und neuen Hörgeräteakustikerinnung nicht mehr entsprechen konnte. Die Betreuung der Mitglieder übertrug Friedmann der Fa. Geers, was unter den Nürnberger Akustikern nicht gerade Beifall fand.

Friedmann leitete vom Wohnzimmer seines Einfamilienhauses in Nürnberg Nord, Uttenreuther Str. 32 aus die gesamtem Geschäfte seines Ortsvereines und des Deutschen Schwerhörigenbundes. Er arbeitete auch im Landesverband Bayern , dem Zusammenschluss der bayerischen Ortsvereine , einschließlich des Sozialwerkes mit.

Für die Zeitung ² Schwerhörige und Spätertaubte „ zeichnete Friedmann ebenfalls verantwortlich.

In seine Zeit fielen als Höhepunkte die Festlichkeiten zum 25., 30. und 40. Jubiläum des Vereines sowie die Ausrichtung der beiden Bundestagungen 1955 und 1973 in Nürnberg.

Friedrich Friedmann, der 1942 dem Ortsverein Nürnberg als Mitglied beigetreten ist , hat in selbstloser und uneigennütziger Weise fast 35 Jahre seines Lebens nicht nur dem Ortsverein Nürnberg, sondern der gesamtem deutschen Schwerhörigenbewegung gewidmet. Leider konnte er die ihm zugedachten Ehrungen für sein Lebenswerk nicht mehr erleben. Der DSB verlieh ihm posthum die neugeschaffene Margarete – von – Witzleben – Medaille als 2. Träger dieser Auszeichnung und von staatlicher Seite aus folgte das Bundesverdienstkreuz am Band des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland , beides als Zeichen seiner verdienstvollen Mitarbeit für die deutsche Schwerhörigenbewegung. Auf dem Nürnberger St. Johannisfriedhof, inmitten Nürnbergs größten Söhnen und Töchtern fand Friedrich Friedmann seine letzte Ruhestätte.

Das Aktenmaterial für die zurückliegende Zeit ist nicht vollständig. Die Würdigung der Arbeit von Friedrich Friedmann als Bundesvorsitzender sollte von Seiten des DSB erfolgen.

Teil III: Fortsetzung des Vereinslebens 1977 bis 1989 , die Ära Leonhard Münster

Der Ortsverein war nach dem Tod von Friedrich Friedmann ohne Vorstandschaft. Sein Stellvertreter August Späth hatte kurz vor dem Ableben Friedmanns sein Amt als zweiter Vorsitzender niedergelegt. Bis zur Wiederwahl führte das

Mitglied Karl Feuerstein als kommissarischer Vorstand nach außen den Verein. Es ist nicht nachgewiesen, wer ihm die Befugnis hierzu erteilt hatte.

In der nun folgenden Generalversammlung am 13.2.1977 wurden:

a. Verwaltungsamtmann Münster Leonhard (an Taubheit grenzender Innenohrschwerhörigkeit ) zum 1. vorsitzenden gewählt; dieser Vorgang wiederholte sich noch fünfmal im Laufe der nächsten Jahre.

b. Die kaufmännische Angestellte Seger Erna zur zweiten Vorsitzenden gewählt; auch dieser Vorgang wiederholte sich noch viermal im Laufe der nächsten Jahre.

c. Die ehemalige kaufmännische Angestellte Wurzer Anna in ihrer bisherigen Tätigkeit als Kassenverwalterin

Und Reiseleiterin durch die Versammlung bestätigt ; auch diese Bestätigung wiederholte sich noch einmal im Laufe der nächsten Jahre.

Beide Damen waren gut hörend. Während bei Anna Wurzer der Ehemann schwerhörig war , traf dies für die Mutter von Anna Seger zu.

Die Wahl fand in der Gaststätte Eberhardshof , einem aus dem Mittelalter stammenden Hof(laut Einwohnerbuch der Stadt Nürnberg)hinter dem Quellekaufhaus statt.

Außer den Wirtsräumen (Gastzimmer und Küche) war noch ein Saal für ca. 100 Gäste vorhanden. Der Saal war mit einer im Eigentum des Vereins stehenden Induktionsschleife ausgestattet, die induktives Hören ermöglichte. Die hierzu erforderliche Geräte waren in drei Kisten verpackt, die vor jeder Versammlung ausgepackt, aufgestellt, danach wieder eingepackt und unter die Seitenbänke abgestellt werden mussten. Ein nicht abschließbares Klavier und ein Stehpult ( im Vereinseigentum ) gehörten zu der Saaleinrichtung. Der Verein hatte hier nach verschiedenen Umzügen eine fast dauerhafte Bleibe gefunden.

Die verwitwete Anna Wurzer ( 10.4.1898 – 10.3.1988 ) hielt nach dem Tod von Friedrich Friedmann den Verein zusammen und sorgte sich auch um einen Nachfolger. Sie führte die Kassengeschäfte und als Reiseleiterin organisierte sie die monatlichen Halbtagsfahrten in die Nürnberger Umgebung, Ganztags- und 2- Tagesfahrten jährlich. Nach Vollendung ihres 80. Geburtstags spendete Genannte dem Verein 10 000 DM. Die Beschwernisse des Alters zwangen Anna Wurzer zum Abbau ihrer umfangreichen Tätigkeit. Sie musste ihre letzten Lebenstage im Altenheim verbringen .

Am 8.2.1981 wurde sie zum Ehrenmitglied ernannt.