Wenn Ärzte zu Verkäufern werden

Sehr geehrte Damen und Herren,
hier eine sehr wichtige Pressemitteilung der Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (biha):

Wenn Ärzte zu Verkäufern werden

Verbraucherzentrale sieht dringenden Handlungsbedarf bei IGeL


Mainz, 09. November 2012. Eine aktuelle Umfrage des Bundesverbands der Verbraucherzentrale
(vzbv) deckt erhebliche Defizite bei Individuellen Gesundheitsleistungen
(IGeL) auf. Viele Ärzte nutzen demnach das Vertrauen ihrer Patienten aus, um an den
Selbstzahlerleistungen zusätzlich zu verdienen. Mit unseriösen Verkaufspraktiken, massiver
Werbung und unzureichender Aufklärung werden nach Angaben der Verbraucherzentrale
Leistungen verkauft, bei denen nicht die Gesundheit des Patienten, sondern
der Geldbeutel des Arztes im Mittelpunkt steht.
Im Bereich der Hörgeräteversorgung gibt es Ärzte, die Leistungen, die sonst der Hörgeräteakustiker
erbringt, direkt in der Praxis anbieten. So sieht der sog. „verkürzte Versorgungsweg“
eine Hörgeräteversorgung direkt in der Arztpraxis vor. Neben seiner eigentlichen
Funktion als neutraler Lotse durch das Gesundheitssystem, wird der Arzt so
zum Verkäufer in eigener Sache.
Immer wieder kommt es zu Fällen, in denen HNO-Ärzte nur unzureichend über die freie
Wahl des Leistungserbringers aufklären, um ihre Patienten gleich selbst zu versorgen.
In vielen Fällen wird dann aber nicht nach dem Sachleistungsprinzip der GKV, sondern
als IGeL versorgt. In diesen Fällen muss der Versicherte auf die Leistungen seiner
Krankenkasse verzichten und alles komplett aus eigener Tasche zahlen.
Darüber hinaus ist eine Hörgeräteversorgung in der Arztpraxis besonders korruptionsanfällig,
da auch hier ein Hörgeräteakustiker benötigt wird, der vom HNO-Arzt aufgrund
des engen Abhängigkeitsverhältnisses leicht unter Druck gesetzt werden kann. Um dieser
Entwicklung entgegenzuwirken, hat der Gesetzgeber gehandelt und mit dem Anti-
Korruptionsparagraphen 128 SGB V, dem wettbewerbswidrigen Verhalten von Ärzten
einen Riegel vorgeschoben. Er verbietet Vertragsärzten, Versicherte zur Inanspruchnahme
einer privatärztlichen Versorgung, also IGeL, anstelle der ihnen zustehenden
Leistung der gesetzlichen Krankenversicherung zu verleiten. Sowohl der Anti-
Korruptionsparagraph als auch die Umfrage der Verbraucherzentrale zeigen, dass bei
IGeL für den Patienten erhöhte Vorsicht geboten ist.
Nicht alle im Gesundheitswesen haben die Brisanz der Hörgeräteversorgung in der
Arztpraxis erkannt. So bietet die AOK-Bayern seit kurzem niedergelassenen HNOÄrzten
einen Vertrag zum umstrittenen Versorgungsmodell an.
Die unabhängige Stiftung Warentest äußert sich in ihrem jüngst erschienenen Buch
„Besser hören“ zum „verkürzten Versorgungsweg“ und kommt zu dem Ergebnis, „dass
der HNO-Arzt die Direktanpassung und die weitere Hörgeräteversorgung übernimmt,
ist selten und nicht empfehlenswert.“ Auch der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB)
lehnt den „verkürzten Versorgungsweg“ seit vielen Jahren entschieden ab, da die geforderte
Versorgungsqualität für schwerhörige Patienten aus seiner Sicht nicht erreicht
wird. Medienberichten zufolge sind 80 Prozent der „verkürzten Versorgungen“ mit Zuzahlung
und zudem häufig fehlerhaft.
V.i.S.d.P.:
Bundesinnung der Hörgeräteakustiker (biha) KdöR
Wallstraße 5, 55122 Mainz; Internet: www.biha.de; Telefon: 06131 965 60 -28
Ralf Struschka, Referent Öffentlichkeitsarbeit; E-Mail: struschka@biha.de
Quelle: http://www.biha.de/media/Presse-Informationen/2012-11-09_Aerzte_werden_Verkaeufer.pdf
Mit herzlichem Dank und freundlichen Grüssen
Michael Geisberger, Pastoralreferent